Mittwoch, 5. Dezember 2012

Liebste Oma,


Oma Hände

Ich kann es immer noch nicht begreifen, dass du nicht mehr da bist!
Vor 24 Stunden habe ich noch deine Hand gehalten und du hast sie bei einem Schmerz-Schub fest gedrückt. Du hast uns erkannt, obwohl du vielleicht schon wusstest, dass deine Zeit mit uns bald zu Ende sein wird.
Du musstest zum Glück nur kurz leiden, hast noch auf alle deine Lieben gewartet, die so schnell kommen konnten, bis du gestern Abend ganz ruhig wurdest… Du hast noch 3x tief geatmet… Konntest du da am Tunnelende Opa winken sehen? So wie auf dem Foto, das zuletzt in deinem Zimmer stand?

Mit deinen Kindern und Enkeln um dich herum, jeder eine Hand haltend, gabst du uns die Chance, Abschied zu nehmen und konntest dann endlich in Ruhe einschlafen.
Wir haben noch eine ganze Weile um dich herum gesessen, deine Hände weiter gehalten, während du hoffentlich mit Opa im Arm von eurer Wolke auf uns runter geschaut habt.

Als ich dich so angeschaut habe, musste ich an viele kleine Bilder und Filmchen denken. Bilder und Filmchen von unseren gemeinsamen Jahren mit dir als meine, als unsere Oma von 15 Enkelkindern. Nicht nur für deine eigenen Kinder, nein auch für uns hast du dich dein ganzes Leben lang aufgeopfert. Erst kamen immer deine Kinder und Enkel, dann die Großfamilie und du? Du kamst erst ganz zum Schluss, hast dich immer zurückgenommen, im Hintergrund gehalten, wolltest niemals jemandem zur Last fallen.


Dein Lieblingswort war „Ja“!
Bei dir gab es nie ein „Nein“ (okay außer, wenn wir vielleicht an deine Blumen und Beete gekommen sind. Dann drohtest du mit dem „Böllemann“… Dieses Phantom finde ich übrigens noch heute ganz gruselig, Oma!)… Nein, ein „Nein“ hörte man wirklich selten bei dir. Wir haben dich als kleine Kinder dafür geliebt, dass wir am Wochenende bei dir schlafen durften. Mit der dicken Decke auf der Couch bei dir und Opa im Fernsehzimmer vor der Flimmerkiste zu Glücksrad und Musikantenstadel einschlafen zu dürfen. Das hast nur du uns erlaubt.
Morgens dann schon vor dem Li La Launebär den Fernseher wieder anzumachen und bis zum Ende des Fernsehgartens weiter gucken zu dürfen. Das hast nur du erlaubt.
Uns grenzenlos an eurem „geheimen“ Süßigkeiten-Depot in der Wohnzimmerschrankwand hinter Opas Schnaps zu bedienen. Das hast nur du erlaubt.
Hinterher in die Küche zum gefüllten Gefrierschrank zu dackeln, der Dank dem Bofrost-Mann immer voll war, und dann noch ein Eis zu naschen. Das hast nur du erlaubt.
Mit R.s großer Puppe und den klappbaren Augen zu spielen. Das hast nur du erlaubt – aber nur wenn es R. nicht gesehen hat und ich alles wieder so hinlegen musste, wie es vorher aussah.
Und zum Abschied gab es aus der alten Brotbackform immer noch gleichmäßig ausgeschnittene 6er-Streifen quadratischer Kaugummis zum rausdrücken.

Ja, du hast dein Leben völlig den Unseren untergeordnet. Du warst genügsam, mit ganz wenig zufrieden und bestimmt am glücklichsten, wenn wir alle bei dir und deinen Blumen im Garten waren.

Gesagt hast du das leider nie.
Über dich, deine Ängste und Gefühle hast du (fast) nie gesprochen. Es war dir nicht so wichtig, wichtiger waren wir dir!
Vielleicht aber auch, weil du nie selbst das Leben in einer gutfunktionierenden Großfamilie kennenlernen durftest. Hast du doch deine eigene Mama nicht mehr richtig kennenlernen können.
So werden für mich die wenigen Aufzeichnungen aus deinem Inneren, die du mir in einem Buch hinterlassen hast, als etwas sehr sehr Besonderes bleiben. Deine kurzen, wenigen Antworten zu deiner Kindheit im Krieg haben mich tief beeindruckt. Dass dir die Niederschrift schwer viel, kann man deiner Schrift ansehen. Darüber gesprochen hättest du sicher nie.

Nur letztes Jahr, da hast du einen Wunsch geäußert: Dass du noch einmal in den Urlaub fahren möchtest! Endlich konnten wir einmal etwas für dich tun. Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, gegoogelt, geplant, recherchiert, telefoniert, gemailt und einen Teil deiner Lieben mobilisiert, um mit dir eineWoche Urlaub im Hunsrück zu machen. Dich 24 Stunden um mich zu haben, war jede Sekunde wert. Wir haben selten so mit dir gelebt und gelacht. Sei es mit deiner jüngsten Enkelin auf dem Schoss, die sich auch das 5. „Wie das Fähnchen auf dem Turme“ geduldig anhörte, deinem ersten Sushi-Genuss und den „Zehn Schitts“, den persönlichen Fragen beim „Privacy“ spielen, dem „Maniküren-Nachmittag“ und dass du immer ganz irritiert warst, wenn wir das fehlende Püppchen beim Mensch-ärgere-dich-nicht durch ein Nagellack-Fläschchen ersetzt haben. Am meisten aber haben dir bestimmt die Schiffsfahrt zur Loreley und die Spaziergänge am Rhein entlang gefallen. Zumindest haben wir dir diese Erinnerung gestern in der Notaufnahme noch einmal erzählt und du hast „Ja!“ gesagt.

„Ja“ werde auch ich nächstes Jahr sagen. Die Einladung konnten wir dir noch überbringen, kommen kannst du leider nicht mehr. Du hast dir die Karte immer wieder angeschaut, als wir dich vor 2 Wochen besucht haben. Immer wieder gelesen… Dazwischen hast du Biathlon im Fernsehen geguckt und einmal herzhaft gelacht, als einer auf den dünnen Skiern ausrutschte und in den Schnee fiel. Dein letztes Wort vor 2 Wochen und auch gestern war „Ja“.
„Ja“ war eben dein Lieblingswort.

Heute genau vor einem Jahr haben mich bei Christels Abschied diese Zeilen begleitet. Und so auch gestern, als ich mich für immer von dir verabschieden musste, allein im Auto nach Hause gefahren bin:

„In diesem Moment
Schließen Augen sich für immer
Scheint ein kleiner Hoffnungsschimmer
Wird ein geschenktes Herz zur Last
Und durch Mitleid Geld gemacht
Wird ein Mensch zum Kampf gedrillt
Und ein Diktator altersmild
Wird die große Chance verpasst
Und am Sterbebett gelacht
Und hinterm Licht wartet ein Tunnel
Und am Tunnelende Licht
Nur das ein Plan dahinter steckt
Zeigt sich für mich nicht.

Und als einer von Millionen
Steh ich hier und schau nach oben
Frag mich wo du gerade bist
Und wie es da wohl ist
Und als einer von Millionen
Der an Erinnerungen hängt
Fühl ich dass du gerade hier bist
In diesem Moment…“

(aus: „In diesem Moment“ von Roger Cicero)

Und gestern Abend habe ich dann noch einmal an dich denken müssen. Als ich spät nach Hause gekommen bin, habe ich noch meinen Adventskalender geöffnet. Darin waren 2 Rubbellose. Und weißt du was? Ich habe mit beiden Losen gewonnen!!! Das muss Schicksal sein... 2 Mal 50 Cent.
Früher haben Opa oder du uns 1 DM in die Hand gedrückt und gesagt „Kauf dir ein Eis!“. Genau das werde ich morgen von deinem Eis-Euro machen. Eine Kugel Wintereis naschen. Auf dich und das Leben!


Ich weiß nicht, wann ich richtig verstehen werde, dass du nun woanders bist, uns nie mehr von deinem Sessel aus begrüßen und mir im Sommer bei 30 Grad sagen wirst, dass ich doch nicht ohne Strümpfe aus dem Haus gehen kann.
Ich weiß nur, dass wir dich sehr sehr sehr sehr vermissen werden und dass es dir da oben bei Opa sicherlich jetzt viel besser geht als zuletzt hier unten!


„…Und als einer von Millionen
Der an Erinnerungen hängt,
Fühl ich, dass du gerade hier bist.
In diesem Moment…“


Kommentare:

  1. Deine liebevollen Abschiedsworte sind sehr berührend!

    Papagena

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  2. ...






    (der rest kommt auf anderem wege,mich hat es grad umgehauen)

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  3. Liebe Jules, bin gerade per Zufall auf deinem Blog gelandet und dann ein solcher Post! Als Oma, die noch mitten im Leben steht, hat mich deine Sicht, deine Erinnerung an deine Oma berührt & mir die Perspektive des Enkelkindes nahe gebracht. In deine Oma kann ich mich gut hineindenken: das sich Anderen Unterordnen ist einem in jungen Jahren eher fremd, mit zunehmendem Alter nimmt man sooo Vieles nicht mehr wirklich ernst & wichtig, nur noch die, die man liebt. Und dafür wird keiner von uns, der das erlebt hat, seine Oma vergessen. Das ist ein schönes Gefühl, das deine Oma beim Abschiednehmen sicher gehabt hat.
    Ich wünsche dir alles Gute für die nächsten Tage und Wochen!
    Astrid

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  4. Ja, sehr berührend...da kommen mir auch gleich die Tränen. Schön, dass Du Abschied nehmen konntest und die schönen Erinnerungen hast. Meine Oma ist auch dieses Jahr gestorben, aber leider war bei mir alles anders. Schön zu lesen, dass es auch andere Familien gibt. Überhaupt schön, dass Du darüber schreibst...

    Liebe Grüße,
    Corinna

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  5. Sehr berührende, gefühlvolle Worte!
    LG Jessica

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  6. es tut mir sehr leid meine liebe

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  7. Liebe liebe Jules, das klingt alles wunderschön! Auch der Abschied... Mein herzliches Beileid. Deine maike

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  8. Liebe Jules, ich wünsche dir viel Kraft für diese schwere Zeit! Meine Oma ist genau heute vor einem Jahr heim gegangen und deine lieben Worte für deine Oma haben mich deswegen umso mehr berührt... Noch heute vergesse ich immer wieder einfach mal, dass ich meine Oma ja gar nicht mehr anrufen kann!
    Alles Liebe und fühl dich fest gedrückt,
    Zoe

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  9. Liebe Jules,
    ich musste beim lesen Deiner Zeilen und auch jetzt noch so weinen. Das ist so berührend was und wie Du schreibst und ich finde es sehr bewegend wie Du Deiner Oma dieses Abschiedsbrief schreibst. Vor einem guten Jahr musste ich so einen Brief an meinen Opa schreiben. Ich habe ihm diesen mit ins Grab gegeben und es vergeht auch heute noch kein Tag an dem ich nicht an ihn denke.
    Ich umarme Dich ganz fest und denke an Dich und Deine Oma, die so ein wundervoller Mensch war. Geniess Dein Wintereis und sei ganz lieb gegrüsst
    von Frau Süd

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  10. Liebe Jules,
    ich musste beim lesen Deiner Zeilen und auch jetzt noch so weinen. Das ist so berührend was und wie Du schreibst und ich finde es sehr bewegend wie Du Deiner Oma dieses Abschiedsbrief schreibst. Vor einem guten Jahr musste ich so einen Brief an meinen Opa schreiben. Ich habe ihm diesen mit ins Grab gegeben und es vergeht auch heute noch kein Tag an dem ich nicht an ihn denke.
    Ich umarme Dich ganz fest und denke an Dich und Deine Oma, die so ein wundervoller Mensch war. Geniess Dein Wintereis und sei ganz lieb gegrüsst
    von Frau Süd

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  11. Ein sehr bewegender Post meine Liebe! Das hast du ganz toll geschrieben.
    Denk an dich :-*
    deine Anni

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  12. Liebe Jules ich drück Dich ganz fest; bei aller Traurigkeit ist es doch so schön, das Deine Oma nicht allein war und Ihr sie begleiten durftet - ich bin so gerührt von Deinem Text. ALLES LIEBE für Dich

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  13. Liebe Jules, Du hast für Deine Omi so wunderschöne Worte gefunden. Ich habe an meine Großeltern nicht so viele Erinnerungen, weil sie sehr früh gestorben sind. Ich drück Dich, liebe Grüße, Viola

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  14. Liebe Jules,

    Mit einem dicken Kloß im Hals und an meine Oma denkend habe ich deinen Text gelesen. So schön, wenn man das in diesem Zusammenhang sagen darf. Sie wird immer in deinem Herzen sein! Fühl dich ganz doll gedrückt und ich wünsche dir und deiner Familie ganz viel Kraft in dieser Zeit.
    Liebste Grüße Susanne

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  15. Mein herzliches Beileid. Ich habe Tränen vergossen. Deine Zeilen haben meine Trauer geweckt, weil meine Mama in diesem Jahr für immer ihre Augen geschlossen hat und sie einfach nicht mehr da ist. Das Vermissen ist das Schlimmste.
    Ich wünsche dir viel Kraft für die schwere Zeit des Abschiednehmens und dass es dir gemeinsam mit der Familie und mit deinen Lieben an deiner Seite etwas leichter fällt. Herzliche Grüße Helga

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  16. hab´s jetzt erst gelesen! wäre gerne beim wintereis dabei gewesen!
    fühl dich ganz feste gedrückt! ich denk an dich!

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  17. fühl dich gedrückt...

    Ich habe erst vor ein paar Tagen deinen Blog entdeckt und nun musste ich auf solch einen Post stossen. Mein Opa liegt auch im Sterben und da macht man sich schon Gedanken.
    Ich weiss das Worte deinen Schmerz nicht lindern können.
    Aber fühl dich gedrückt
    Valeria

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  18. Oh Jules!

    Deine Worte haben mich schwer bewegt.
    So schön geschrieben, so voller Liebe!

    Wie schön, dass Du so eine liebe Oma hattest, wie schön, dass Du Ihr so einen tollen Abschiedsbrief geschrieben hast.

    Viele liebe Grüße
    Denise

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  19. bin grade über deinen nogger choc post auf diesen hier gestoßen... fühl dich ganz fest in den arm genommen!!! und ich bin GANZ SICHER, dass deine großeltern jetzt vereint auf ihrer wolke sitzen und sehr stolz auf dich sind!!

    katrin

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  20. Liebe Jules,
    Du hast einen sehr berührenden Abschiedsbrief geschrieben. Vielen Dank, dass ich ihn lesen durfte.

    ...Dein Opa hat Deine Oma sicherlich mit offenen Armen empfangen...Die beiden freuen sich gemeinsam, dass Dir das Eis so gut geschmeckt hat.

    Ich wünsche Euch für die nächste Zeit viel Kraft --- haltet weiterhin zusammen.

    Liebe Grüße, drück Dich
    Corana

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  21. Liebe Jules,

    wie sehr ich mit Dir fühle. Als meine Oma vor 5 Jahren gegangen ist, hat es mir das Herz zerissen. Auch ich konnte mich noch einmal von ihr verabschieden und das war gut so. Trotzdem ist die Lücke, die sie hinterlassen hat, heute noch immer genauso groß wie vor 5 Jahren. Ich bewundere Deine Kraft, Deine Trauer in so einzigartige Worte zu fassen sehr. Mir fällt es heute noch schwer darüber zu sprechen.

    Ich wünsch Dir viel Kraft!

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  22. Liebe Jules,

    das habe ich gerade erst entdeckt. Fühl Dich ganz doll gedrückt und ich denke an Dich

    lg michaela

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  23. Liebe Jules,

    ich habe es gerade erst entdeckt, das sind sehr schöne Zeilen an Deine Oma. Fühl Dich gedrückt, ich denke an Dich und wünsch Dir und Deiner Familie ganz viel Kraft in der nächsten Zeit

    michaela

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  24. Ich bin spät dran, aber ich wollte doch auch noch ein paar Zeilen schreiben. Deine Worte haben mich sehr berührt und ich finde es bewundernswert, dass du die Kraft hast, dem Tod deiner Oma auf diese Weise zu begegnen. Fühl dich gedrückt, Fee

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  25. Danke euch allen für die lieben und tröstenden Worte!!!


    Allerbeste Grüße an euch da draußen Jules

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  26. in diesem Moment...bin ich in Gedanken bei dir und glaube fest daran, dass deine Lieben auf ihrer Wolke herabschauen zu euch...jetzt erst gelesen...und doch gespürt, das irgendetwas ist...daher heute schnell mal ins Netz geklickt...fühl dich ganz fest gedrückt...deine Südenschnitte...

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  27. Schön finde ich das! Deine Oma schaut jetzt bestimmt liebevoll auf Dich herab. Lg Daniel

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Vielen lieben Dank für Deinen Kommentar. Immer wieder eine große Freude im kleinen Freudenhaus.

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